Wenn du glaubst, schon alles gesehen zu haben, was Italien aus dem Fenster eines Zuges oder Reisebusses zu bieten hat, liegst du falsch. Um den Puls dieses Landes wirklich zu spüren, brauchst du ein Lenkrad in den Händen, Heckantrieb (wenn möglich) und einen vollen Tank. Während alle anderen um einen Parkplatz an der Amalfiküste kämpfen, habe ich die Nase meines Autos in Richtung der rauen und brutalen Schönheit der Abruzzen gerichtet.
Willkommen in Campo Imperatore. Wir nennen es das „Kleine Tibet", und es ist ein Ort, an dem der Asphalt nicht nur eine Verkehrsverbindung ist, sondern eine Einladung, zwischen den Wolken zu tanzen. Es ist eine endlose Hochebene, die aussieht wie aus einem Sergio-Leone-Film entsprungen, wo die Freiheit nach Berggras und Schafsfett auf der Glut duftet.

Die Route: Aufstieg zum Gran Sasso#
Die Reise beginnt in Castel del Monte, einem mittelalterlichen Dorf, das wie aus dem lebenden felsen gehauen wirkt. Falls ihr euch nach dem Aufstieg die Beine vertreten wollt: Meine Kollegin Martina hat einen unglaublichen mehrtägigen Trekking-Guide durch genau diese Gipfel erstellt. Von hier aus nimm die SR17bis. Es ist eine Straße, die mit herrlicher Steigerung ansteigt. Wenn du Dörfer liebst, die der Schwerkraft trotzen, hat mein Kollege Luca kürzlich die vertikale Schönheit von Castelmezzano entdeckt, aber die Abruzzen haben eine wildere, weniger polierte Seele.
Während du aufsteigst, verschwinden die Bäume und machen Platz für eine 27 Kilometer lange Karsthochebene. Hier wird das Fahren zur reinen Freude: weite Kurvenradien, die es erlauben, die Balance des Autos zu spüren, und endlose Geraden, bei denen die einzige Grenze der Horizont ist. Dieses Land aus Stein und Geschichte erinnert mich sehr an den edlen Travertin von Ascoli Piceno, den Alessandro beschrieben hat, aber hier ist der Stein roh und windgepeitscht.
Campo Imperatore: Das Set des großen Kinos#
Update: Das Rifugio Campo Imperatore (2.130 m) zu erreichen, ist wie am Ende der Welt anzukommen. Die Stille wird nur vom Wind unterbrochen. Es ist kein Zufall, dass dieser Ort die Kulisse für Dutzende von „Spaghetti-Western" und Kultfilmen war. Wenn du diese Reise planst, nachdem du die Kunststädte besucht hast, denk daran, dass es hier keine ZTL gibt: Die einzige Grenze ist das Wetter. Apropos wiedergeborene Kunststädte: Alessandro hat ein berührendes Stück über die Wiedergeburt von L’Aquila geschrieben, das direkt am Fuße dieser Berge liegt.
Marcos Pet Peeves: Arrosticini-Rauch und „Eisdielen“-Biker#
Ich möchte mit dir über meine Pet Peeves sprechen: Leute, die in Campo Imperatore ankommen und nicht wissen, wie man mit den Arrosticini umgeht. Ein Stopp beim Ristoro Mucciante oder bei Zio Giulio ist Pflicht, aber wenn du anfängst, das Fleisch zu grillen, ohne es im richtigen Rhythmus zu wenden, oder schlimmer noch, nach Ketchup fragst, riskierst du einen gastronomischen Lynchmord. Arrosticini werden heiß, gesalzen und mit den Händen gegessen. Punkt.
Und dann sind da noch die „Eisdielen“-Biker, die ihre glänzenden Maschinen mitten in den Parkbuchten abstellen und es uns auf vier Rädern unmöglich machen, die Aussicht zu bewundern. Leute, die Straße gehört allen, aber ein bisschen Bürgersinn beim Parken würde nicht schaden. Und bitte, hinterlass keinen Müll: Dieses Ökosystem ist ebenso majestätisch wie zerbrechlich.
Technische Tipps für den Abruzzen-Piloten#
Winter-Update: Falls ihr kommt, wenn die Straßen weiß sind, verpasst nicht Martinas Führer zum Schneeschuhwandern am Gran Sasso; es ist die einzige Möglichkeit, die Hochebene zu erleben, wenn der Asphalt begraben ist.
- Motorbremse: Die Steigungen sind ernst zu nehmen. „Schleif" nicht kilometerweit auf der Bremse; schalte zurück und lass den Motor die Geschwindigkeit regeln. Wenn deine Bremsen bei der Ankunft rauchen, hast du alles falsch gemacht.
- Kraftstoffmanagement: Auf der Hochebene sind Tankstellen eine Fata Morgana. Tank in Castel del Monte oder Santo Stefano di Sessanio voll.
- Sicherheitskoordinaten: 42.443° N, 13.558° O (Campo Imperatore Ebene). Halt hier an, um das ultimative Foto deines Fahrzeugs mit dem Gran Sasso im Hintergrund zu machen.
Die Abruzzen lassen sich nicht erklären, man muss sie fahren. Es ist eine sensorische Erfahrung, die dich daran erinnern wird, warum du das Fahren gelernt hast: nicht um dich fortzubewegen, sondern um dich lebendig zu fühlen.
Leg den richtigen Gang ein und lass die Zivilisation hinter dir.
Bis bald, Marco