Hallo! Ich bin Luca. Im tiefen Süden Italiens, wo die Berge Kalabriens auf das saphirblaue Wasser des Tyrrhenischen Meeres treffen, gibt es ein Bauwerk, das wie aus einem futuristischen Traum wirkt – eine Herausforderung an die Schwerkraft selbst. Es ist das Sfalassà-Viadukt, eine kolossale Stahlbogenbrücke, die eine üppige Schlucht in über 250 Metern Höhe überspannt.
Für viele ist es nur ein Asphaltband, das mit hundert Sachen überfahren wird, aber für mich ist es ein Portal zur unbezähmbaren Seele Kalabriens. Wenn ihr nach einer anderen Art von Wildnis sucht, weniger „Stahl“ und mehr „nackter Fels“, empfehle ich euch meinen Bericht über die Berge der Barbagia auf Sardinien. Aber jetzt halten wir am Rande des kalabrischen Abgrunds inne.

Das Genie von Silvano Zorzi: Der Bogen, der der Leere trotzt#
Das 1974 fertiggestellte Sfalassà ist nicht irgendeine Brücke. Es ist ein Meisterwerk des Ingenieurs Silvano Zorzi, eines Mannes, der es verstand, Beton und Stahl in strukturelle Poesie zu verwandeln. Jahrelang war sie die höchste Stahlbogenbrücke Europas und gewann dreimal den prestigeträchtigen CECM-Preis (European Convention for Constructional Steelwork).
Stellt euch die technologische Herausforderung jener Jahre vor: den Bau eines Bogens mit 376 Metern Spannweite, der in der Leere hängt, in einem erdbebengefährdeten und von Winden gepeitschten Gebiet. Es ist das Symbol eines Italiens, das keine Angst hatte, groß zu träumen, genau wie es in der Vergangenheit bei der grandiosen Architektur der Fall war, die mein Kollege Alessandro in seinem Guide zum Tal der Tempel in Agrigent beschrieben hat.
Bagnara Calabra und die Costa Viola#
Am Fuße des Viadukts liegt Bagnara Calabra, eine Stadt, die sich an den Fels zu klammern scheint, um nicht ins Meer zu rutschen. Dieser Küstenabschnitt ist als Costa Viola (Violette Küste) bekannt, ein Name, den Platon selbst geprägt zu haben scheint, als er die Indigo- und Violetttöne beobachtete, die das Wasser bei Sonnenuntergang annimmt, wenn die Sonne hinter den Äolischen Inseln verschwindet.
Update: Bagnara ist die Heimat der „Bagnarote“, legendärer Frauen, unermüdlicher Händlerinnen, die einst die Pfade des Aspromonte mit Körben beladen zurücklegten, um Fisch oder Salz zu verkaufen. Es ist ein Land der starken Aromen und ursprünglichen Traditionen, ein wunderbarer Kontrast zur Gebirgsküche, die meine Kollegin Giulia auf ihrer Reise durch die traditionellen Walser-Küchen des Aostatals erkundet hat.
Aspromonte: Granit, Kastanien und Fiumare#
Jenseits des Viadukts öffnet sich der Aspromonte. Vergesst die toskanischen Hügel oder die gepflegten Weinberge. Hier ist die Natur rau. Es ist ein Land aus vertikalen Granitwänden, alten Kastanienwäldern, die wie aus einem Märchen der Gebrüder Grimm wirken, und Fiumare – kiesigen Flussbetten, die monatelang still bleiben, bevor sie sich im Winter in Wassergiganten verwandeln.
Der Aspromonte ist ein Ort der Geheimnisse und der Stille, sehr ähnlich der verborgenen Spiritualität, die meine Kollegin Elena bei der Erkundung des Herzens von Molise und des Festes von Campobasso gefunden hat. Hier, zwischen den Pfaden, die zu verlassenen Dörfern und versteckten Wasserfällen führen, spürt man den wahren Herzschlag des Südens.
Lucas Pet Peeves: Es ist nicht nur ein Transitort#
Ich möchte ehrlich sein: Eines meiner größten Pet Peeves (persönlichen Ärgernisse) ist die Einstellung derer, die Kalabrien nur durchqueren, um die Fähre nach Sizilien zu erreichen. Es macht mich wahnsinnig zu sehen, wie die Leute das Sfalassà ignorieren oder es nur als „ein Stück Autobahn“ betrachten.
Diesen Giganten in den 70er Jahren in einem so unwegsamen Gelände zu bauen, war das italienische Äquivalent zur Mondlandung. Ich verabscheue die Oberflächlichkeit derer, die die Größe des menschlichen Scharfsinns, angewandt auf eine so wilde Natur, nicht verstehen. Und bitte, werft nichts aus dem Fenster: Der Aspromonte ist ein Heiligtum, keine Mülldeponie. Wenn ihr einen Roadtrip wollt, der die Landschaft wirklich respektiert, lest unseren Guide zum wilden Gargano.
Das Geheimnis des Entdeckers: Die alte SS18#
Mein Geheimtipp ist, in Bagnara abzufahren und die alte SS18 Tirrena Inferiore zu nehmen. An einem bestimmten Punkt (38.283° N, 15.811° E) führt die Straße genau unter dem immensen Schatten des Viadukts hindurch. Von hier aus, wenn man nach oben blickt, ist die Perspektive des Stahlbogens erschreckend und prächtig zugleich. Man hört das Rauschen des Verkehrs hoch oben wie ein fernes Brummen, während um einen herum nur der Wind und der Duft der mediterranen Macchia sind.
Wenn ihr schon mal da seid, geht zur Marina, um euch die Passerelle anzusehen. Das sind weltweit einzigartige Boote mit einem sehr hohen Mast und einem dutzende Meter langen Bugsteg, die noch heute für die Schwertfischjagd verwendet werden. Ein Stück Schwertfisch „alla bagnarota“ (mit Kapern, Oliven und Kirschtomaten) zu essen, während man auf den „Giganten“ blickt, ist eine Erfahrung, die euch mit der Welt aussöhnen wird.
Das Sfalassà ist nicht nur eine Brücke. Es ist ein Symbol der Verbindung zwischen moderner Effizienz und der Ewigkeit der kalabrischen Natur. Es ist der Beweis, dass wir Wunder bauen können, ohne die Seele der Orte zu zerstören.
Bleibt wild und blickt immer über den Asphalt hinaus.
Bis bald, Luca